Die Batterie im Elektromobil: Blei, Gel und AGM

Blei-Akkus stecken vor allem in Seniorenmobilen und in älteren Rollern. Dieser Abschnitt erklärt, wie sich Blei-Säure, Gel und AGM unterscheiden, was Sulfatierung anrichtet, wie richtig geladen und gelagert wird, woran sich ein defekter Akku erkennen lässt und wann ein Wechsel auf Lithium sinnvoll ist.

Tiefenwissen zu Blei-Säure, Blei-Gel, AGM, Sulfatierung und Wartung

Was ist der Unterschied zwischen Blei-Säure, Blei-Gel und AGM?

Alle drei sind Bleibatterien — sie unterscheiden sich in der Form des Elektrolyten:

Typ

Elektrolyt

Wartung

Lage

Einsatz

Blei-Säure (offen)

Flüssig (verdünnte Schwefelsäure)

Wasser nachfüllen

Stehend, Belüftung nötig

Auto-Starterbatterien

Blei-Gel (VRLA-Gel)

Geliert (mit Kieselsäure)

Wartungsfrei

Beliebig (auslaufsicher)

Seniorenmobile, USV

AGM (VRLA-AGM)

In Glasvlies gebunden

Wartungsfrei

Beliebig (auslaufsicher)

E-Roller, Boote, Stand-by

 

Bei E-Rollern und Seniorenmobilen kommen fast ausschließlich Gel- oder AGM-Akkus zum Einsatz, da diese auslaufsicher und wartungsfrei sind. „Säure-Akkus" mit Flüssigelektrolyt sind nicht zugelassen für Personenfahrzeuge wegen Auslauf- und Knallgasgefahr.

Was ist Sulfatierung und wie kann ich sie verhindern?

Sulfatierung ist der häufigste Tod-Mechanismus von Blei-Akkus. Wenn ein Blei-Akku entladen wird, bilden sich Bleisulfat-Kristalle an den Platten. Bei Aufladung wandeln sich diese normalerweise zurück in Bleisulfat → Bleidioxid + Schwefelsäure.

Bleibt der Akku lange entladen, wachsen die Sulfatkristalle so groß, dass sie sich nicht mehr auflösen lassen. Resultat:

  •          Reduzierte Kapazität (Reichweite sinkt um 30–80 %)
  •          Höherer Innenwiderstand (Spannung bricht unter Last ein)
  •          Längere Ladezeiten
  •          Akku ist irreversibel geschädigt

Verhinderung:

  1.        Nach jeder Fahrt sofort laden (auch bei nur kurzer Strecke)
  2.        Bei Lagerung über 4 Wochen: Erhaltungsladen mit Pulser oder Erhaltungsladegerät
  3.        Niemals tiefentladen lagern (≤ 30 % SOC)
  4.        Im Winter monatlich nachladen

Eine leichte Sulfatierung kann teilweise mit speziellen Pulser-Ladegeräten gelöst werden (Hochfrequenz-Pulse zerstören kleine Kristalle).

Wie lange hält ein Blei-Gel-Akku im Seniorenmobil?

Die Lebensdauer hängt stark von der Nutzung ab:

Nutzungsmuster

Lebensdauer

Täglich, korrekt geladen

2–4 Jahre

1–2× pro Woche, korrekt geladen

3–5 Jahre

Selten, oft tiefentladen

1–2 Jahre

Standzeiten ohne Erhaltung

6–18 Monate

 

Typische Vollladezyklen bei 50 % Entladetiefe: 500–800. Bei 80 % Entladetiefe: 200–400. Deshalb gilt für Blei-Gel-Akkus: Lieber zwei kleinere und früher laden, als bis 0 % fahren.

Warum sind Blei-Akkus so schwer?

Blei hat eine hohe Atommasse (207 u) und niedrige Energiedichte (30–50 Wh/kg). Ein 12 V/100 Ah Blei-Gel wiegt ca. 30–35 kg. Die gleiche Energiemenge in LiFePO4 wiegt nur ca. 12 kg, in NMC ca. 6 kg.

Konsequenzen für Elektroroller:

  •          Höheres Gesamtgewicht (Roller mit Blei kann 80–120 kg wiegen)
  •          Geringere Reichweite (Energie wird zum Tragen des Akkus selbst verbraucht)
  •          Schwerer zu transportieren (zur Wohnung tragen kaum möglich)
  •          Fahrwerk muss dauerhaft Last aushalten

Trotzdem haben Blei-Akkus einen Vorteil: Sie sind günstiger in der Anschaffung. Eine 60 V/40 Ah Blei-Gel-Bank kostet ca. 250–350 €, ein vergleichbares LiFePO4-Pack ca. 700–1.200 €.

Kann ich einen Blei-Akku gegen Lithium tauschen?

Grundsätzlich ja, aber mit Einschränkungen:

  •          Spannung muss passen: 48 V Blei (4× 12 V) wird zu 48 V LiFePO4 (15S) oder 48 V NMC (13S). Achtung: Voll-Spannung weicht ab! Blei voll: 53,4 V — LiFePO4 voll: 54,75 V — NMC voll: 54,6 V. Ladegerät und Controller müssen den neuen Bereich akzeptieren.
  •          Ladegerät muss passen: Blei-Lader haben anderes Ladeprofil (CC/CV mit Erhaltung). Lithium braucht reines CC/CV ohne Erhaltungsladung. Beim Akkutausch ALWAYS auch Ladegerät tauschen.
  •          Controller-Spannungen: Lithium hat höhere Voll- und niedrigere Leerspannung. Controller muss „Low Voltage Cutoff" anpassen lassen.
  •          Einbaumaß: Lithium ist deutlich kleiner. Halterung anpassen, evtl. Spacer.
  •          ABE/Garantie: Originaler Akkutyp ist Teil der Betriebserlaubnis. Tausch kann ABE aufheben. Kontrollieren Sie zuerst beim Hersteller.

Vorteile des Tauschs: Halbes Gewicht, doppelte Reichweite, 5× längere Lebensdauer. Amortisation oft nach 2–3 Jahren.

Was bedeutet AGM und wie funktioniert es?

AGM (Absorbent Glass Mat) ist eine Bauform der Blei-Säure-Batterie. Der flüssige Elektrolyt ist in feinem Glasfaservlies zwischen den Platten gebunden. Vorteile:

  •          Auslaufsicher (kein freier Elektrolyt)
  •          Beliebige Einbaulage (außer kopfüber)
  •          Höhere Stromfähigkeit als Gel (geringerer Innenwiderstand)
  •          Schnelleres Laden möglich (bis 0,4C)
  •          Gutes Tieftemperaturverhalten

Nachteile: Etwas teurer als Säure, weniger zyklenfest als Gel. Empfehlung: AGM für Roller mit hohem Strom-Bedarf, Gel für reine Zyklenanwendung (Seniorenmobile, Solar).

Wie lade ich Blei-Akkus richtig?

Korrektes Blei-Laden hat drei Phasen:

  1.        Konstantstrom (Bulk): Akku wird mit max. 0,2–0,3C Strom geladen, bis Spannung von 14,4 V (12 V-Pack) erreicht ist. ~80 % geladen.
  2.        Konstantspannung (Absorption): Spannung bleibt bei 14,4 V, Strom sinkt langsam. Dauer 2–4 h. Bringt von 80 % auf 100 %.
  3.        Erhaltungsladung (Float): Spannung sinkt auf 13,5–13,8 V. Akku bleibt bei 100 %, kein Überladen.

Achtung: Blei darf NICHT überladen werden — Wasserzersetzung und Knallgasbildung! Daher MUSS das Ladegerät automatisch in Float wechseln. Billige Konstantstromlader ohne Float zerstören Blei-Akkus.

Was ist die Memory-Effekt bei Blei-Akkus?

Blei-Akkus haben KEINEN echten Memory-Effekt (das ist ein NiCd-Phänomen). Aber: Sie haben eine andere Form der Degradation:

  •          Plattenkorrosion: Bei häufigen flachen Entladungen wachsen Sulfatkristalle auf den Plattenoberflächen.
  •          Säureschichtung: Bei flachen Entladungen sammelt sich konzentrierte Säure unten, verdünnte oben → ungleichmäßige Belastung.

Gegenmittel: Mindestens 1× pro Monat eine Vollentladung auf 50–60 % SOC und dann komplette Aufladung. Das durchmischt Elektrolyt und reduziert Schichtung.

Warum verliert mein Blei-Akku im Winter so viel Reichweite?

Blei-Akkus sind extrem temperaturempfindlich:

Temperatur

Verfügbare Kapazität

+25 °C

100 %

0 °C

70–80 %

−10 °C

50–60 %

−20 °C

30–40 %

 

Zusätzlich erreicht ein kalter Blei-Akku nicht 100 % beim Laden — Restkapazität geht weiter zurück. Empfehlung: Akku in der Wohnung laden und lagern, vor der Fahrt mindestens auf Zimmertemperatur bringen.

Wie erkenne ich einen defekten Blei-Akku?

Anzeichen für einen defekten oder stark gealterten Blei-Akku:

  •          Reichweite weniger als 50 % vom Neuzustand
  •          Spannung bricht unter Last sofort ein (12 V-Block fällt unter 10 V bei 20 A)
  •          Akku wird beim Laden sehr warm oder gast (zischen, Schwefelgeruch)
  •          Ladegerät schaltet schon nach kurzer Zeit auf „voll", obwohl wenig Strom geflossen ist
  •          Gehäuse aufgebläht, Risse, ausgelaufenes Gel
  •          Korrodierte Pole (grünlich-weiß)

Test: Vollaufladen, dann mit definierter Last (z.B. 10 A für 1 h = 10 Ah Entnahme) entladen. Restspannung sollte über 12,2 V bleiben. Bricht sie auf < 11,5 V ein, ist der Akku verschlissen.

Wie entsorge ich einen Blei-Akku?

Blei-Akkus sind Sondermüll und müssen kostenlos zurückgegeben werden. Möglichkeiten:

  •          Händler: Jeder Händler von Blei-Akkus muss alte zurücknehmen (Batteriegesetz §11)
  •          Wertstoffhof: Kommunale Sammelstellen nehmen Bleiakkus kostenlos an
  •          Schrotthändler: Zahlen oft 0,30–0,80 €/kg für Altbleiakkus

Bleiakkus werden zu fast 100 % recycelt: Blei wird eingeschmolzen und neu verwendet, Säure wird neutralisiert, Kunststoffgehäuse wird zu Granulat verarbeitet. Recyclingquote in DE > 99 %.

NIEMALS

Bleiakkus im Hausmüll oder in der Natur entsorgen — Schwermetallvergiftung von Boden und Grundwasser!

Wie überbrücke ich einen leeren Blei-Akku?

Wenn ein Roller-Akku komplett leer ist und nicht mehr lädt, kann man ihn mit einem Auto-Akku „erwecken":

  1.        Akku komplett vom Roller abklemmen
  2.        Pluspol des Hilfs-Akkus mit Pluspol verbinden, Minuspol mit Minuspol
  3.    Spannung muss identisch sein (12 V zu 12 V, niemals 12 V zu 6 V)
  4.    Nach 5–10 Minuten trennen, Akku am normalen Ladegerät weiter laden

Achtung:

Niemals einen tiefentladenen Lithium-Akku „überbrücken" — Brandgefahr! Lithium braucht Spezial-Reset durch Fachwerkstatt.

Welcher Blei-Akku hält am längsten?

Premium-Hersteller mit hoher Zyklenfestigkeit:

  •          Trojan (USA) — 1.000+ Zyklen, sehr robust
  •          Sonnenschein (Exide) — Premium-Gel
  •          Hawker / EnerSys — Industrie-Qualität
  •          Optima (Spiral Cell AGM)
  •          Varta Professional Deep Cycle

No-Name-Akkus aus China kosten 30–50 % weniger, halten aber oft nur 200–300 Zyklen. Für Seniorenmobile mit täglicher Nutzung lohnt sich ein Markenakku — Sie kaufen einmal alle 4 Jahre statt alle 1,5 Jahre.

Warum sollte ich Blei-Akkus immer voll geladen lagern?

Anders als Lithium müssen Blei-Akkus IMMER voll geladen gelagert werden. Bei längerer Standzeit mit teilentladenem Akku setzt Sulfatierung ein (siehe Frage 2). Die Sulfatkristalle wachsen über Tage und Wochen, bis sie irreversibel sind.

Empfehlung für Lagerung > 4 Wochen:

  1.    Akku komplett aufladen (100 %)
  2.    Vom Roller abklemmen (sonst Selbstentladung durch Steuergeräte)
  3.    An kühlem, trockenem Ort lagern (10–18 °C)
  4.    Erhaltungsladegerät anschließen (z.B. CTEK MXS 5.0) ODER alle 4 Wochen 24 h nachladen

Kann ich verschiedene Blei-Akkus parallel oder in Reihe schalten?

Theoretisch ja, praktisch nur unter strengen Bedingungen:

  •          Identische Marke und Modell
  •          Identisches Alter und gleiche Anzahl Zyklen (sonst zieht der schwächste den Verbund runter)
  •          Identische Kapazität (Ah)
  •          Bei Reihenschaltung: Identische Spannung pro Block (alle 12 V)
  •          Bei Parallelschaltung: Identischer Innenwiderstand

Die Mischung von altem und neuem Akku ist eine der häufigsten Fehlerquellen. Innerhalb weniger Wochen wird der neue Akku auf das Niveau des alten heruntergezogen.

Empfehlung: Bei Akku-Tausch IMMER alle Blöcke gleichzeitig erneuern, gleiche Charge kaufen.

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